Der Medizinethiker Alfred Simon erklärt, welche Regelungen vor allem Angehörige von Risikogruppen in Zeiten der Coronavirus-Pandemie treffen sollten.

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Herr Simon, wegen der Coronavirus-Pandemie werden derzeit immer mehr Menschen auf Intensivstationen behandelt, werden beatmet, liegen im künstlichen Koma und sterben dort. Sollte man gerade jetzt eine Patientenverfügung aufsetzen?
Ich denke schon. Es geht darum, sich zu überlegen: Will ich als älterer Mensch noch auf eine Intensivstation verlegt werden, wenn ich schwer an Covid-19 erkranke? Die bisherigen Erfahrungen zeigen ja, dass gerade ältere Menschen mit Vorerkrankungen relativ schlechte Chancen haben, selbst mit Intensivtherapie die Erkrankung zu überstehen.

Die Frage lautet also, will ich als Angehöriger einer solchen Risikogruppe mein Leben möglicherweise auf einer Intensivstation nach zwei oder drei Wochen erfolgloser Behandlung beenden oder lieber in der vertrauten Umgebung palliativ begleitet versterben?

 

Worauf sollte man bei einer Patientenverfügung in Bezug auf eine Krankenhausbehandlung wegen Covid-19 achten? Wie konkret sollte man zum Beispiel auf eine Beatmung eingehen? Es gibt ja drei verschiedene Formen der maschinellen Beatmung, eine nichtinvasive mit Maske und bei Bewusstsein, ein invasive mit Schläuchen in der Lunge, für die man oft sediert werden muss, und eine über eine künstliche Lunge, die das Blut direkt mit Sauerstoff anreichert.
Ich fürchte, dass sich die meisten Menschen medizinisch gar nicht so genau auskennen und Therapieoptionen deshalb auch nicht so konkret regeln können. Deshalb ist es sinnvoller, das Ziel einer Behandlung zu definieren, das erreicht werden soll und für das man dann bestimmte Behandlungen wie die Beatmung akzeptieren würde.

Und umgekehrt festzulegen, dass wenn ein bestimmtes Ziel – etwa die Genesung – nicht oder nur noch sehr unwahrscheinlich erreichbar ist, man dann auch die dafür erforderliche Behandlung nicht mehr wünscht.

 

Welche Ziele könnten das sein?
Bei einer schwerwiegend verlaufenden Covid-19-Erkrankung geht es konkret um die Frage, ob man diese mit einer intensivmedizinischen Behandlung überleben kann. Ich könnte also festlegen, dass die intensivmedizinische Behandlung unterbleiben soll, wenn die Überlebenschance von den Ärzten als sehr gering eingeschätzt wird.

Das bedeutet nicht, dass ich damit eine solche Behandlung komplett ablehne. Solange eine realistische Überlebenschance besteht, soll diese weiterhin stattfinden. Dies gilt sowohl im Falle von Covid-19 als auch bei einer anderen Erkrankung.

 

Sollte es in Deutschland zu solch dramatischen Situationen wie in Italien oder Spanien kommen, in denen das Klinikpersonal völlig überlastet ist, hat dann ein Arzt überhaupt noch die Zeit, eine eventuell vorliegende Patientenverfügung wahrzunehmen?
Das ist in der Tat ein Problem. Deshalb kann es sinnvoll sein, ergänzend zur normalen Patientenverfügung einen Notfallplan zu erstellen, in dem eindeutig dokumentiert wird, welche Behandlungen im Notfall noch erfolgen sollen und welche nicht. Dieser garantiert, dass auch in Situationen, in denen Ärzte nicht lange Zeit zum Überlegen haben, keine ungewollte Therapie stattfindet.

Ein Beispiel für einen solchen Notfallplan ist die Ärztliche Anordnung für den Notfall (kurz: ÄNo), die im Rahmen von „Behandlung im Voraus Planen (BVP)“ entwickelt wurde und die in den nächsten Tagen allen Hausärzten in Deutschland zur Verfügung gestellt wird.

 

Was hat es mit diesem Notfallplan auf sich?
Das ist eine Konkretisierung der Patientenverfügung für Notfälle. Denn das Problem von Patientenverfügungen ist ja, dass sie oft sehr allgemeine Formulierungen enthalten und mehrere Seiten lang sind. In einer Notfallsituation fehlt die Zeit, diese in Ruhe zu lesen und auf die aktuelle Behandlungssituation hin anzuwenden.

In solchen Fällen wird der Arzt also erst mal alles medizinisch Notwendige tun, um mein Leben zu retten. Erst danach kann überlegt werden, ob die begonnenen Maßnahmen auch tatsächlich in meinem Sinne waren. Natürlich kann man nicht gewollte Maßnahmen auch wieder beenden. Aber dann bin ich eben schon im Krankenhaus oder auf der Intensivstation.

 

Muss man als Patient diese Notfallplanung selbst aufsetzen wie eine Patientenverfügung?
Ich könnte das theoretisch auch allein machen. Sinnvoller ist es aber, es gemeinsam beispielsweise mit dem Hausarzt zu tun, sodass der im Notfall behandelnde Arzt auch davon ausgehen kann, dass ich über die Folgen meiner Entscheidungen aufgeklärt war und die Festlegungen im Notfallplan auch tatsächlich meinem Willen entsprechen.

 

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Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/medizinethiker-zu-coronakrise-jetzt-ist-die-zeit-eine-patientenverfuegung-aufzusetzen/25716854.html